Globalisiertes Ernährungssystem gerechter machen

Anja Mertineit zum Thema Ernährungssystem
Anja Mertineit Misereor sagt: Gutes Essen für alle – Globalisiertes Ernährungssystem gerechter machen

Es wird laut FAO weltweit genug Nahrung produziert, um alle Menschen ausreichend zu versorgen. Trotzdem leiden ca. 800.000 Mio. Menschen an Hunger, und ca. 2 Mrd. Menschen sind mangelernährt. Ganz offensichtlich hat das globalisierte Ernährungssystem versagt, allen Menschen auf dieser Welt den Zugang zu gesunder, ausreichender und kulturell angemessener Ernährung zu sichern, wie es im international vereinbarten Sozialpakt als unveräußerliches Menschenrecht jedem Menschen zusteht. Hunger und Unterernährung, Übergewicht und ernährungsbedingte Wohlstandskrankheiten, Land Grabbing und Essensverschwendung sind nur einige Aspekte, die zeigen, dass etwas schief läuft in unserem Ernährungssystem.

MISEREOR, das bischöfliche Hilfswerk für Entwickungszusammenarbeit, prangert diese Missstände nachdrücklich und kontinuierlich an. Umweltschäden und Armut im ländlichen Raum sind Auswüchse einer Wirtschaftsweise, die an Profitinteressen und nicht an den Bedürfnissen der Menschen ausgerichtet ist. Die Enzyklika Laudato Si‘ kommt deshalb zur richtigen Zeit.

Ernährungssystem – Gutes Essen für Alle

Ein gerechtes und zukunftsfähiges Ernährungssystem, das gutes Essen für Alle bietet, braucht Vielfalt, vom Acker bis auf den Teller. MISEREOR stellt klar: dafür brauchen wir ein System, dass die bäuerliche Landwirtschaft stärkt, die Umwelt schützt, Vielfalt erhält und die Rechte armer KonsumentInnen in den Mittelpunkt stellt. Mit der Enzyklika erfahren diese Forderungen Rückenwind, denn der Papst lässt in seinem Schreiben eine Kritik am herrschenden Agrarmodell und den Konsummustern mitschwingen, weil diese sowohl die Umwelt als auch die marginalisierten Menschen, die von der Landwirtschaft leben, schädigen. Er traut Gemeinschaften von KleinproduzentInnen zu, bessere Produktionssysteme und damit mehr Lebensqualität und Gemeinwohl zu schaffen.

Nachhaltige landwirtschaftliche Produktion

Viele kleinbäuerliche Betriebe in allen Teilen der Welt stehen mit ihrem Beispiel dafür, dass es schon heute Ansätze für eine ausreichende und nachhaltige landwirtschaftliche Produktion gibt. Sie beweisen, dass nachhaltige Landwirtschaft auch unter schwierigen Umweltbedingungen sehr produktiv sein kann. Tatsächlich liefern die rund 570 Mio. bäuerlichen Familienbetriebe rund 80 % der Nahrungsmittel. Auf Vielfältigkeit ausgerichtete Betriebe, die vor allem eigene Produktionsmittel nutzen, ihr Saatgut selbst kontrollieren und ohne Kredite auskommen, sind auch besser angepasst an die Auswirkungen des Klimawandels, die eine hohe Resilienz und Innovationsfähigkeit der Betriebe erfordern.

Auch auf Seiten der KonsumentInnen gibt es ständig wachsende Alternativen zu einem globalisierten, auf Nahrungsmittelverschwendung und „Convenience Food“ ausgerichteten System. Demokratisch, lokal, nachhaltig sind Ernährungsräte, wie z.B. in Köln, oder die Solidarische Landwirtschaft, in der KonsumentInnen zu Co-ProduzentInnen werden und gemeinsam Betriebe finanzieren und sich dann die Ernte teilen. Auch sogenannte „Food-Kooperativen“ sind gute Beispiele, wie engagierte Menschen sich ihren Zugang zu gesunden, nachhaltig produzierten Nahrungsmitteln zu erschwinglichen und fairen Preisen sichern können.

Ernährungssystem – Rückbesinnung auf die Landwirtschaft

Ein wichtiger Aspekt, der durch die Enzyklika in die aktuelle Diskussion über das Ernährungssystem eingebracht wird, ist die Frage nach dem allgemeinen Gut. Die Erde ist ein gemeinsames Erbe, dessen Früchte allen zugutekommen müssen – daran erinnert die Enzyklika Laudato Si‘. Und sie bezieht Position gegen die Privatisierung von Wasser und Land Grabbing. Sie fordert die Rückbesinnung auf eine Landwirtschaft, die wieder im Dienste der Menschen steht und nicht nur auf Profit ausgerichtet ist. Für diese Forderungen treten die MISEREOR-Partnerorganisationen in Asien, Afrika und Lateinamerika mit ihren lokalen Partnergemeinschaften vehement ein.

Ernährungs-Souveränität stützen

Es ist Zeit für ein Umdenken, Zeit für eine Ernährungswende. Steuergelder dürfen nicht mehr in die Aufrechterhaltung einer Industrie fließen, die Armut, Umweltschäden und Gesundheitsprobleme schafft. Stattdessen muss staatliche Förderung Ernährungssouveränität stützen, damit ProduzentInnen und KonsumentInnen wieder die Kontrolle zurückgewinnen, was produziert und mit wem gehandelt wird. Jede/r Einzelne und die Weltgemeinschaft insgesamt sind aufgefordert, ihr Ernährungsverhalten auch mit Blick auf die Folgen für nachfolgende Generationen zu hinterfragen.

Dies ist auch die Botschaft von Laudato Si‘: aus Sorge um das gemeinsame Haus und alle seine BewohnerInnen Bequemlichkeit und Eigeninteressen ein bisschen zurückstellen und im Sinne des Gemeinwohls dafür offen sein, welche neuen Gewinne und welche Befriedigung es bringt, sich mit Empathie und Tatkraft für eine bessere Welt einzusetzen.

Anja Mertineit

Author: Anja Mertineit

Anja Mertineit Misereor

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