Kulturelle Kontexte

Prof. em Dr. Hartmut Böhme
Prof. em Dr. Hartmut Böhme
Humboldt Universität, Berlin

Als Mitte des Jahres 2015 die Öko-Enzyklika Laudatio Si’ von Papst Franziskus erschien, rieben sich viele die Augen: mochten die einen darüber erstaunen, dass sich dieser Text teilweise wie ein radikaler linksökologischer Angriff auf die reichen Industrienationen liest, so die anderen, dass Franziskus in sozialethischer Hinsicht den Schulterschluss mit seinen Vorgängern auf dem päpstlichen Stuhl sucht und deutlich um eine Kalmierung der konservativen Kräfte der Kirche bemüht ist.

Der erste Abschnitt untersucht die Quellen, auf die sich die Enzyklika von Franziskus bezieht, insbesondere die Bedeutung kirchlicher Stellungnahmen aus Südamerika sowie das Verhältnis, das Franziskus zu seinen Vorgänger-Päpsten und zum hl. Franziskus hinsichtlich ökologischer und sozialethischer Fragen unterhält. Eine weitere zentrale Quelle für Franziskus ist das Werk von Romano Guardini. Auf dieser Grundlage gelingt es Franziskus, innerkatholisch eine breite Gemeinsamkeit des Denkens herzustellen. Weniger gut gelingt dies hinsichtlich der Adressierung der Enzyklika „an alle Menschen auf diesem Planeten“: Es fehlt gänzlich an Stimmen aus den Religionen und Kulturen der Welt, die ihren eigenen Akzent in die Umwelt-Problematik einbringen. Es fehlt auch an einer Integration der nicht-gläubigen, indes wissenschaftlich oder praktisch-politisch engagierten Vertreter, auf die in einem humanökologischen Weltbündnisses für die Erde nicht verzichtet werden kann – und auf die der Papst auch nicht verzichten will.

Im zweiten Kapitel wird das stärkste Argument des päpstlichen Enzyklika herausgearbeitet: die Untrennbarkeit der ökologischen Probleme von denen der Armut und Verelendung großer Anteile der Weltbevölkerung. Ausführlich werden die Faktoren der Naturzerstörung aufgezeigt, die überwiegend auf die Raubbau-Wirtschaft der hochentwickelten Industrieländer zurückgehen und zu einer Gefährdung der Erde geworden sind. Untrennbar damit sind Sozial-Schädigungen verbunden: die Untergrabung der Lebenschancen kommender Generationen und die Verelendung pauperisierter Massen, welche die Hauptbetroffenen der Umweltzerstörung, des destruktiven Konsums und der Ressourcen-Verschwendung in den reichen Ländern sind. Darum ist, dem Papst zufolge, das Gerechtigkeitsprinzip, das die Natur und ihre Lebewesen wie auch die Armen und Benachteiligten einschließt, die wichtigste Forderung unserer Gegenwart. Verbunden damit ist eine Kritik am verantwortungslosen Egoismus der Machteliten und am „despotischen Anthropozentrismus“ der gegenwärtigen Wirtschaftsform.

Die Änderung dieses Natur wie Gesellschaft ausplündernden Systems ist, lauf Papst Franziskus, nur durch eine „kulturelle Revolution“ möglich. Diese radikale Forderung wird im dritten Absatz untersucht. Dabei geht es um die Frage, was das kulturelle Projekt der Natur sein könnte und welche „neuen Menschen“, wie sie der Papst in seinem Konzept der „Humanökologie“ fordert, dabei vorauszusetzen sind. Wie muss der Mensch in Zukunft aussehen und wie wird Natur künftighin zu gestalten sein, damit die Erde zu einem „gemeinsamen Haus“, zum Heimatplaneten werden kann – und nicht zu einer „universellen Mülldeponie“.

Werden im dritten Kapitel dabei schon Konzepte diskutiert, die in der Enzyklika nicht expliziert, aber vorauszusetzen sind, so handelt der vierte Abschnitt von quellenreichen christlichen und philosophischen Traditionen, die für ein sozialethische und ökologische Politik zu einer wertvollen Ressource werden könnten. Ausgehend von der Enzyklika werden diejenigen nicht weiter erwähnten Naturkonzepte der Geschichte behandelt, die für eine heutige Theorie der Natur wichtig sind. Natur ist nicht nur ein technisches Objekt, sondern Lebens- und Erfahrungsraum von Menschen und Lebewesen, die darin Bedeutung und Sinn generieren. Eine kulturelle Rahmung des Projekts der Natur führt zu einer Stärkung nicht nur der katholischen, sondern auch der außerchristlichen Kämpfe für eine gerechte Weltgemeinschaft und eine lebensfähige Erde.