Hat die Enzyklika Laudato Si eine pastorale Wirkung?

pastorale Wirkung
Prof. Dr. Manfred Becker
Universität Halle: Hat die Enzyklika Laudato Si eine pastorale Wirkung?

Wissenschaftler nähern sich der Enzyklika in der Absicht, die wissenschaftlichen Positionen im Text zu analysieren. Als liberal orientierter Wissenschaftler fragt man sich nach der Lektüre der Enzyklika, warum die höchste katholische Autorität, Papst Franziskus, ein derart marktkritisches Lehr- und Erziehungsschreiben herausbringen muss?

Die Enzyklika liest sich über weite Strecken als Forderungskatalog nach Mäßigung, Genügsamkeit, Schonung der Natur und fordert die Verschwisterung mit der Natur. Ein weiterer Eindruck kommt hinzu. Aus wissenschaftlicher Perspektive verbleibt der Text der Enzyklika dem Präskriptiven und dem Normativen verhaftet. Gebots- und Verbotsdiktate ziehen sich wie ein roter Faden durch den Text. Postulate werden formuliert, Belege und empirische Befunde fehlen.

Lebensstil der Menschen

Man könnte nach der Lektüre der Enzyklika folgern, dass viele Vorwürfe gegenüber dem gegenwärtigen Lebensstil der urbanen Menschen auch viel Änderungsbereitschaft erzeugen. Leider ist das Gegenteil wahrscheinlicher. Wenn nahezu alles, was die Menschen tun, die „Schwester Natur“ schädigt, wenn nahezu jede Handlung die Beziehung zwischen den Menschen und der Schöpfung stört, dann verzagen die Menschen ob des großen Umfanges der Forderungen, statt unverzüglich mit der Versöhnungsarbeit zwischen Mensch und Natur zu beginnen. Sind die Menschen der Auffassung, den Forderungen der Enzyklika ohnehin nicht genügen zu können, dann legen sie die Hände resignierend in den Schoß. Mit einem schlechten Gewissen, versteht sich, aber sie bleiben untätig!

Enzyklika verwendet blumenreiche Sprache

Es ist auch zweifelhaft, dass diese Enzyklika ihre pastorale Wirkung erzielen wird. Es sprechen viele Argumente dagegen. Das erste Argument gegen eine große Wirkung ist die abstrakte, blumenreiche, im Unverbindlichen verbleibende Sprache der Enzyklika. Ein weiteres Argument dagegen ist die Überforderung der pastoralen Forderungen all derjenigen Menschen, die von der Hand in den Mund leben und wenig Zeit haben, sich eine „dann heile Welt“ vorzustellen. Die pastorale Wirkung ist aber auch bei der urbanen Weltbevölkerung der reichen Staaten fraglich. Die Naturferne der Bevölkerung der nördlichen Hemisphäre ist bereits so groß, dass das Schicksal von Würmern, Vögeln, Blumen und Bäumen sie nicht mehr erreicht. Hinzu kommt die Gottesferne, wie Papst Benedikt XVI. den Glaubensschwund nennt. Wenn nur wenige Menschen enge Bindungen an die Kirche haben, dann werden die Mahnungen des Papstes sie auch nicht erreichen. Man könnte Papst Franziskus fragen, wo bleibt die Fröhlichkeit, wo die Verankerung in Glaube, Hoffnung und Liebe, wenn wir doch alles so grundfalsch machen?

Basisbereich wissenschaftlicher Arbeit

Aus wissenschaftlicher Perspektive verbleibt die Enzyklika Laudato Si dem Präskriptiven verhaftet. Die Themen werden im wissenschaftlichen Vorhof der Wissenschaft behandelt. Die Enzyklika verbleibt im Basisbereich wissenschaftlicher Arbeit. Dort postuliert der Wissenschaftler Annahmen und Ansprüche zu Forschungsaspekten. Es werden Vermutungen aufgestellt und Erwartungen formuliert. Forschung als ergebnisoffener Prozess der Erhebung, Beobachtung, der Vergleiche, findet im Objektbereich werturteilsfreier Forschung statt. Ergebnisse des Forschens stellt der Wissenschaftler dann im Aussagenbereich zusammen.Wissenschaftlicher Fortschritt dient der Verbesserung der Lebensgrundlagen der Menschen. Wissenschaftliche Erkenntnissuche ist stets ergebnisoffen. Die Umsetzung von Erkenntnissen in praktisch-politisches Handeln gehört nicht mehr zum Auftrag der Wissenschaft.

Wird eine wissenschaftliche Strenge erreicht?

Nun kann man sicherlich nicht erwarten, dass ein päpstliches Lehrschreiben die Strenge eines wissenschaftlichen Ergebnisberichts haben sollte oder haben könnte. Die allgemein gehaltenen Texte haben dann allerdings den Mangel, dass die Postulate nicht mit erforschten Argumenten belegt werden.

Wenn die Enzyklika gegenwärtige Unzulänglichkeiten im schwesterlichen Umgang der Menschen mit der Natur beklagt, dann könnte man nahelegen, weniger zu forschen und weniger zu unternehmen. Man kann aber auch auf die Kreativität und die unternehmerische Leistung vertrauen und aus der Forschung und den Produktivitäts-fortschritten der Wirtschaft eine stärkere Schonung von Umwelt und Natur erwarten.

Problemnähe

Es wäre aus wissenschaftlicher Perspektive sicherlich einfacher, einen Beitrag zu einer Enzyklika von Papst Benedikt XVI. zu schreiben. Die Enzykliken der beiden Päpste unterscheiden sich ganz wesentlich hinsichtlich der Problemnähe (bei Papst Franziskus sehr stark) und der Erkenntnisstrenge (bei Papst Benedikt sehr stark). Die Lehrschreiben von Benedikt XVI. zeichnen sich durch eine theologisch-philosophische Abgeschlossenheit aus. Pastorale Ableitungen für den gläubigen Menschen und alle, die guten Willens sind, folgen bei Benedikt XVI. der Trias Verstehen – Akzeptieren – Handeln! Die Enzyklika Laudato Si ist ein Lehr- und Mahnschreiben, das ethische Postulate zu drängenden praktischen Problemen der Menschheit aufgreift und beschreibt.

Die moralischen Postulate, Ermahnungen und Sorgen des Papstes sind gesinnungsethische Ausrufezeichen. Handlungsempfehlungen werden mit Bezugnahmen zum Neuen Testament und zu anderen Lehrschreiben argumentativ zwar gefestigt, verbleiben aber auf einer unpraktischen Abstraktionshöhe. Niemand kann den Gedanken der Enzyklika wirklich widersprechen, aber es erfährt auch niemand, wie die Welt ganz konkret besser werden könnte.

Umwelt und Gerechtigkeit – Papst regt Debatte an

Christoph Bals: Umwelt und Gerechtigkeit
Christoph Bals: Umwelt und Gerechtigkeit
Christoph Bals
GERMANWATCH, Bonn: Umwelt und Gerechtigkeit

Papst Franziskus ruft angesichts der planetaren Krise zum Dialog über Umwelt und Gerechtigkeit mit allen Religionen, mit allen Menschen auf. Zunächst wird geprüft, ob das Papier Ausdruck eines reflektierten Glaubens ist, der Anspruch erheben kann, in einer pluralistischen Gesellschaft auf Augenhöhe Diskussionen anzustoßen.

Universale Geschwisterlichkeit

Der Papst vollzieht einen Paradigmenwechsel von der Herrschaft des Menschen hin zur universalen Geschwisterlichkeit mit allen Mitlebewesen. Die – wissenschaftlich und theologisch – doppelt codierte Begründung wird nachgezeichnet. Die Enzyklika akzeptiert die Autonomie der Wissenschaften, will diesen aber zugleich – was Ästhetik und Ethik angeht – Grenzen aufzeigen.

Umwelt und Gerechtigkeit – Paradigmenwechsel

Als Konsequenzen des Paradigmenwechsels werden dargestellt: Der Vorrang des Seins vor dem Nützlichen; die Akzeptanz der Naturressourcen und das Klimas als Gemeineigentum; die Notwendigkeit des Ausstiegs aus fossilen Energien; der Bedarf an ausreichend Klimafinanzierung für die Armen.

Subsidarität – dezentrale Lösungen

Es wird gezeigt, wie der Papst die beiden Seiten der Subsidiarität betont: Der Vorrang für die Gruppen, die möglichst nahe am Menschen dran sind und dezentrale Lösungen. Aber zugleich die Notwendigkeit für den Gesetzgeber zu handeln, wenn diese Gruppen das Problem nicht lösen können.

Enzyklika Laudato-si ist keine Drohbotschaft

Abschließend wird gefragt, ob es ein funktionales Äquivalent in der säkularen Gesellschaft geben könnte für den Ton der Enzyklika, die – obwohl sie die Probleme klar benennt – eher als Froh-, denn als Drohbotschaft daher kommt.

Nachhaltige regionale Transformation und räumliche Gerechtigkeit

Ulf Hahne Transformation
Ulf Hahne Transformation
Prof. Dr. Ulf Hahne
Universität Kassel

Papst Franziskus mahnt in seiner Umweltenzyklika einen transformativen Kurswechsel an, um der ökologischen und soziale Krise des Planeten entgegenzutreten.

Dieser Pfadwechsel erfordert nicht nur verstärkte Handlungs-Anstrengungen auf internationaler Ebene, sondern auch Aktivitäten auf allen subsidiären Ebenen. Der Hinweis der Enzyklika auf die Notwendigkeit lokaler und regionaler Anstrengungen trifft sich mit der aktuellen Diskussion um »die Große« und »viele kleine« Transformationen. Ohne den Beitrag der Städte und Regionen wird ein Umsteuern zum Abfedern der multiplen Krise nicht gelingen.

Der Beitrag diskutiert die Haltung und Vorschläge des Papstes zur lokalen und regionalen Transformation aus Sicht der Stadt- und Regionalentwicklung. Im Jahrhundert der Städte wird gerade von den Städten ein wichtiger Transformations-Beitrag erwartet. Doch Stadt und Land sind beide Treiber der ökologischen und sozialen Probleme des Planeten, bringen aber auch zahlreiche innovative und transformative Kräfte und Ideen hervor. Auch wenn der Papst sowohl bei seiner Analyse als auch durch Nennung zahlreicher positiver Wandlungsbeispiele die Bedeutung ländlicher Räume hervorhebt, bleibt festzuhalten, dass ohne eine Politik der Stärkung ländlicher Regionen die weltweite Migration weiter angeheizt und die Stadtproblematik im 21. Jahrhundert nochmals verschärft wird. Problemlösungen müssen in jedem Fall vor Ort erarbeitet werden.

Ökologische Transformation

Die ökologische Transformation in Richtung Ressourcensparsamkeit und die ökonomische Transformation in Richtung bedürfnisorientierter Produktion verlangen nach Veränderungen in Produktion und Konsum. Mit der Betonung von Kleinunternehmen, bedürfnisorientierter Produktion, suffizienten und einfachen Lebensstilen finden sich in der Enzyklika Stichwörter, die derzeit im wissenschaftlichen Bereich um Nachhaltigkeits- und Degrowth-Strategien geführt werden. Jedoch kann es nicht um Stagnation im Sinne des Endes von Wachstum und Innovation gehen, sondern gerade um Impulse zur Entfaltung einer ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltigen Ökonomie – und diese benötigt technische, ökonomische und soziale Innovationen und wird eigene neue Wachstumsfelder und Konsumverschiebungen (z.B. Sharing-Economy) entfalten.

Kleinräumige Strategien bergen schließlich auch Gefahren, wenn sie auf der Basis von lokaler Macht und Ressourcenstärke eigenständige Strategien durchsetzen. Resilienz-Anstrengungen werden ressourcenreichen Regionen leichter gelingen als ressourcenarmen Regionen. Und so verschärft die postfossile Transformation möglicherweise die Spaltung zwischen Reichtumsinseln und Verarmungsregionen. Denn Regionen verfügen nicht über dieselbe Ressourcenausstattung, über die gleiche Verfügbarkeit nutzbaren Landes oder gleich gut geeignete Lernsysteme für die Transformation. All dies stellt die Frage einer gerechten Entwicklung und der ethischen Verantwortung regionaler Entwicklungspfade neu. Auch hierzu liefert die Enzyklika gute Beiträge für einen fruchtbaren Dialog mit der transformativen Wissenschaft und ihren normativen Aspekten.

Wirtschaft macht Armut

Dr. Rudolf Martens
Dr. Rudolf Martens
Dr. Rudolf Martens ist Leiter der Paritätischen Forschungsstelle im Paritätischen Wohlfahrtsverband – Gesamtverband Berlin

Uns geht es gut – weil es den anderen schlecht geht.

Nationale wie globale Ungleichheiten führen zu Armut: aber zu unterschiedlichen Armuten. Den Armen in den entwickelten Ländern des Nordens geht es schlecht.

Aber auch sie profitieren von der Globalisierung und der Armut in den weniger entwickelten Ländern.

Wirtschaft muss das Wohl der Menschen fördern

andreas-suchanekInhaltlich sind die in der letzten Enzyklika aufgegriffenen Themen für mich für mich als Vertreter des Zentrums für Globale Ethik zweifellos einschlägig.

Mein spezifischer Zugang ist der eines Wirtschafts- und Unternehmensethikers, dem es zum einen darum geht, Werte und Wirklichkeit immer wieder auf das Neue zusammenzubringen und dem über die Zeit immer deutlicher wird, dass Vertrauen – als fundamentale Ermöglichung des kooperativen Umgangs freier Menschen miteinander und damit zugleich als Grundlage einer nachhaltigen Gesellschaft – die Einsicht, Bereitschaft und die Fähigkeit benötigt, dieses Vertrauen aufzubauen und zu erhalten.

Die Verteilungsfrage zwischen Ökonomie und Ökologie

Die Enzyklika thematisiert an mehreren Stellen die ungleiche Verteilung von Besitz und Macht, insbesondere im globalen Maßstab, und stellt sie zusammen mit der ökologischen Frage in den übergreifenden Kontext der Gerechtigkeit. Auch in der (wirtschafts-)wissenschaftlichen Diskussion wird neuerdings wieder die Bedeutung der Einkommens- und Vermögensverteilung verstärkt diskutiert. Traditionellerweise dominierte dort allerdings die Betonung der potentiellen Konflikte zwischen größerer Verteilungsgerechtigkeit, wirtschaftlicher Entwicklung und Ökologie. Zwar werden in jüngerer Zeit in der Wissenschaft eher die positiven Wirkungen einer gleichmäßigeren Verteilung für die wirtschaftliche Entwicklung betont; jedoch dominiert nach wie vor die Auffassung, daß es einen Konflikt zwischen Entwicklung und Verteilung einerseits und ökologischer Umorientierung andererseits gibt.

Hier zeigt die Enzyklika eine andere Sichtweise auf, indem sie bei der Verteilung nicht nur Einkommen und (Geld- wie Sach-)Vermögen im Blick hat, sondern auch die Verteilung der bzw. die Verfügbarkeit von lebenswichtigen natürlichen Ressourcen. Unter diesem Blickwinkel könnte der Konflikt zwischen Armut/ungleicher Verteilung und ökologischer Nachhaltigkeit ein Scheinkonflikt sein. Der Beitrag geht diesen unterschiedlichen Sichtweisen nach und zeigt auf, welche Schlußfolgerungen sich aus ihnen jeweils ergeben.