Wider die Ökonomisierung aller Lebensbereiche

Prof. Dr. Hans Peter Klein Universität Frankfurt/Main: Wider die Ökonomisierung aller Lebensbereiche
Prof. Dr. Hans Peter Klein
Universität Frankfurt/Main: Wider die Ökonomisierung aller Lebensbereiche

Der Lehrer und Biologe Hans-Peter Klein verdeutlicht in seinem Beitrag „Wider die Ökonomisierung aller Lebensbereiche“ die zerstörerische Kraft des neoliberalen Wirtschaftsmodells, insbesondere dann, wenn dieses Handlungsbereiche der allgemeinen – bislang öffentlichen – Daseinsvorsorge wie etwa dem Gesundheitswesen, der Pflege oder die Bildung für sich vereinnahme. So habe die im Krankenhauswesen eingeführte Bezahlungslogik zu einer nie gekannten Mengenausweitung geführt, die keiner seriösen Bedarfsprüfung standhalte. Sowohl die Kostenträger als auch die ambulanten Leistungsanbieter würden dem ökonomischen Druck und dessen Zweckbündnissen folgen und finden gegenwärtig in einer zur minutiösen Rechenschaft verpflichteten Pflegeversorgung ihren Höhepunkt.

Der Autor berichtet von einer durch die ungebrochene Ausweitung familiärer Erwerbstätigkeit verursachte Zerschlagung der Familienstrukturen zugunsten des allgegenwärtigen ökonomischen Imperativs. Für Klein ist es ursächlich die unreflektierte Zahlen- und Messbarkeitsgläubigkeit („Vermessungswahn“), die als Einfalltor der beschriebenen Fehlentwicklungen, dringend zu korrigieren wäre. Ein als strategisches Kalkül inszenierter „Vermessungswahn“ signalisiere – indes nur scheinbar – objektive Richtigkeit um den Mythos einer kalkulatorischen Beherrschbarkeit der Welt aufrechtzuerhalten.

Als weiteres Beispiel führt Klein die PISA-Studien und die mit diesen verbundenen jüngeren Entwicklungen des deutschen Bildungswesens ein. Dabei lässt der Autor keinen Zweifel, dass er diese für vollständig fehlgeleitet und in ihren Auswirkungen für schädlich diagnostiziert. Kein Schüler habe von diesen profitiert.

In seiner Conclusio verdichtet der Autor seine ohnehin pointierte Argumentation. Allein an dem ungebremsten Weltbevölkerungswachstum trage das neoliberale Wirtschaftsmodell keine Schuld.

Nachhaltigkeitsstrategie für Unternehmen

Nachhaltigkeitsstrategie
Yvonne Zwick
Deutscher Nachhaltigkeitsrat, Berlin: Nachhaltigkeitsstrategie

Unternehmen müssen heute mehr Verantwortung übernehmen. Hierzu ist eine entsprechende Nachhaltigkeitsstrategie unabdingbare Voraussetzung.

Der Deutsche Nachhaltigkeitskodex (DNK) wird seit Anfang 2012 vom Rat für Nachhaltige Entwicklung als freiwilliger Standard zur Offenlegung unternehmerischer Nachhaltigkeitsleistungen etabliert. Er wurde in einem vom Nachhaltigkeitsrat moderierten Stakeholderdialog von Unternehmen und Investoren entwickelt. Bis dato (Stand Juli 2016) wenden 145 Unternehmen diesen Transparenzstandard praktisch an.

Nachhaltigkeitsstrategie – pragmatischer Ansatz

Der DNK besticht durch einen pragmatischen Ansatz, der den Einstieg in die strategische Berichterstattung durch klare Orientierung und Fokussierung auf das Wesentliche erleichtert. In zwanzig Kriterien und einer Auswahl von Leistungsindikatoren beschreiben Unternehmen kurz und knapp wie sie mit den Herausforderungen einer nachhaltigen Entwicklung umgehen. Welche Chancen und Risiken ergeben sich daraus für das unternehmerische Handeln? Wie kann eine Verankerung der Nachhaltigkeitsstrategie im Kerngeschäft vorangetrieben werden?

Niedrige Schwelle

Die Erfahrungen zeigen, dass der Deutsche Nachhaltigkeitskodex (DNK) die Schwelle so niedrig hält, dass eine signifikante Zahl mittelständischer Unternehmen den Einstieg wagt und schafft.

Der Artikel leistet einen Überblick über Hintergründe, Ziele und Struktur des Instrumentes. Wie fügt er die Ansprüche der Umwelt-Enzyklika ein? Wie kann die Wirtschaftsweise grundlegend verändert werden.

 

Das Wort und das Geschenk der Mitmenschlichkeit

Prof. Dr. Peter Rödler
Prof. Dr. Peter Rödler

Bemerkungen zu Erziehung und Familie in der Welt der Menschen

Die Enzyklika ‚Laudato Si‘ wendet sich an alle Menschen. Sie nutzt die christliche Position des Papstes als Ausgangspunkt zu einer Reflexion der Welt in der wir leben und was sich daraus an ethischen Folgerungen ergibt insgesamt!

Insofern ist es eine ‚Ökologie-Enzyklika‘, die weit über den engen Bereich des Klima- oder Naturschutzes hinausgeht. Die Gedanken Franziskus‘ reflektieren die Schöpfung und fordern die Möglichkeit einer ‚Beheimatung‘ aller in dieser. Sie ist eine Enzyklika der Zusammenhänge, die die Schöpfung bilden.

Menschen finden sich in diese Zusammenhänge orientierungslos ausgesetzt. Erst das Miteinander mit anderen Menschen ermöglicht Zugänge und Orientierung. So bilden die frühen Bindungserfahrungen das Schema, das den Kindern ihre identitätsentwicklung durch die Antworten der Umwelt auf Ihre Existenz sichert.

Dieses Schema wechselweiser Verantwortung in gelingenden Beziehungen gibt dann aber auch die Folie ab, sich nicht nur mit den Mitmenschen sondern mit der Schöpfung insgesamt in ein verantwortliches Verhältnis zu setzen. Gelingende familiäre Beziehungen in diesem Sinn bilden damit die Grundlage für die Beheimatung von Menschen in der Schöpfung insgesamt.

Lernen, Wissen, Handeln – Globale Lösungen beginnen lokal

Dietmar Kress Head of Aktionsnetz Greenpeace e.V. Germany. Dietmar Kress, Bereichsleiter Aktionsnetz Greenpeace e.V.
Dietmar Kress
Head of Aktionsnetz Greenpeace e.V. Germany.
Dietmar Kress, Bereichsleiter Aktionsnetz Greenpeace e.V.

Die Laudato Si bietet einen überraschend politischen Ansatz. Der Papst geißelt die Dominanz der Finanzwirtschaft gegenüber der Politik, die ölbasierte Weltwirtschaft ebenso, wie den persönlichen Konsumismus.

Gerechtes Wachstum entkoppelt nicht Wohlstand vom Naturverbrauch. Das Konzept der Gemeinwohlökonomie bezieht in ihre Bilanz die Werte Menschenwürde, Solidarität, Ökologische Nachhaltigkeit, Soziale Gerechtigkeit und Demokratische Mitbestimmung mit ein.

Es werden weniger anstatt mehr Länder mit durchgesetzten Menschenrechten. Autokratische Herrscher werden aus Frust mit Mehrheiten ausgestattet.

Das Bevölkerungswachstum ist das zentrale Problem des 21. Jahrhunderts. Südlich der Sahara leben in Afrika 1 Milliarde Menschen, 2050 werden es 2 Milliarden sein.

Die allgemeine Stimmung scheint schlecht zu sein, die repräsentative Demokratie in einer Krise. Polarisierende Parteienorganisieren schlechte Stimmung und mobilisieren Koalitionen der Angst.

Bei aller negativen Stimmung und Unsicherheit bilden sich neue soziale Bewegungen. Sie setzen der Angst ihre eigene Tätigkeit entgegen.

Nicht alles kann rechtlich geregelt werden. Strafveränderung bei allen möglichen Vergehen stiftet nur scheinbar Sicherheit.

Flüchtlingspolitik und Klimapolitik ist ohne Bildung und Nachhaltigkeit undenkbar.

Die Selbstwirksamkeit des eigenen Handelns ist entscheidend. Finden sich eine kritische Masse von 30 Prozent, ist alles denkbar. NGOs bieten dabei eine Plattform für partizipative Willensbildung.

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile

Martina Eick in Rio
Martina Eick in Rio

Der Papst schildert – auch angesichts des sehr intensiven Austauschs mit Wissenschaftlern vieler Disziplinen – die Lage unseres Planeten, unseres Hauses, eindrücklich und schonungslos. Pointiert legt er den Finger in die Wunden und ruft alle Menschen zum Dialog auf, was ein wenig an die Weltbürgerbewegung des WBGU erinnert. Und natürlich mahnt er immer wieder die Barmherzigkeit an und die Achtsamkeit im Umgang mit der Natur und ihren Ressourcen. Großherzigkeit, Barmherzigkeit, das sind moralische Kategorien mit Wurzeln in der katholischen Soziallehre, es sind keine politischen, schon gar keine klassisch ökonomischen Kategorien. Gerechtigkeitspolitik kann darauf nicht verbindlich und verpflichtend zu fußen, auf keiner der Ebenen unseres föderalen Systems. Ferner ist Gerechtigkeitspolitik global im ganzen Haus nicht mit Ausgleichsmaßnahmen und Ablasshandel zu verwirklichen. Es ist eben nicht so, dass Naturausbeutung hier mit Baumpflanzung dort auszugleichen wäre.

Die Ökosysteme funktionieren nicht wie ein beliebiger Naturgüterverschiebebahnhof und Ökosystemdienstleistungen sind in systemarer Gänze mehr als die Summe der Einzelfunktionen. Regional zerstörte Kreisläufe und Dysfunktionalitäten sind nicht reparierbar durch Renaturierung andernorts und ob die ferne gut gemeinte, großherzige Maßnahme dort ins Naturgleichgewicht und Ökosystem passt oder schlimmstenfalls auch noch zu fernen Regionalschäden führt, ist oft erst langfristig und zu spät wahrnehmbar.

Daher soll diesem Artikel der geografische Betrachtungsraum die Region sein, ein wachsames Beobachten und kollaboratives Handeln vor Ort im Sinne starker Nachhaltigkeit, für die in Laudato Si zweifelsfrei plädiert wird.