Anthropogene Stoffströme erfordern Ethik des Maßhaltens

Seit Beginn der ersten industriellen Revolution sind die meisten der von Menschen bewegten Stoffströme exponentiell angestiegen, in vielen Fällen wesentlich schneller als der Zuwachs der Weltbevölkerung. Dies kann in der Folge zu Funktionseinschränkungen und einer Destabilisierung der Ökosysteme führen. Materielles Wachstum mit hohem Energie- und Ressourcenverbrauch und umfangreichen anthropogenen Stoffströmen ist demnach dauerhaft nicht mit dem Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung vereinbar. Darauf haben bereits 1972 eine Reihe von Wissenschaftlern unter Dennis L. Meadows im ersten Bericht an den Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“ hingewiesen. Angesichts des seitdem weiter fortschreitenden Wachstums mahnt nun auch Papst Franziskus in seiner Laudatio si‘ an, die „Gangart ein wenig zu verlangsamen“ bevor es zu spät ist. Eine Umstellung vom Durchfluss- auf das Kreislaufprinzip sei dringend geboten – so der Papst –, um die Umweltbelastungen zu verringern und die Ressourcen für die kommenden Generationen zu erhalten.

Zur Erreichung dieser Nachhaltigkeitsziele werden drei Strategien verfolgt: die Effizienz-, die Konsistenz- und die Suffizienzstrategie. Die Effizienzstrategie ist mengenorientiert und zielt darauf ab, den Material- und Energiebedarf eines Produktes möglichst gering zu halten und die Wirtschaftsleistung von den anthropogenen Stoffströmen zu entkoppeln. Demgegenüber setzt die Konsistenzstrategie auf einen Systemwechsel hin zu umweltverträglichen und naturintegrierten Produktions- und Konsumprozessen und die Kreislaufführung von Stoffen und Energie. Ein Beispiel hierfür ist der Ersatz fossiler Energieträger durch regernative Energiequellen wie Sonne, Wind und Biomasse. Technischer Fortschritt zur Steigerung der Ressourceneffizienz und technikbasierte Konzepte zur Erhöhung der Konsistenz anthropogener Stoffströme sind jedoch nicht hinreichend, um die Umweltprobleme der Welt zu lösen und die Verfügbarkeit von Ressourcen für zukünftige Generationen sicherzustellen. Denn sie haben Rückwirkungen auf das Kaufverhalten und den Gebrauch der „verbesserten“ Produkte (Reboundeffekte) und können dadurch sogar das Gegenteil von dem bewirken was sie eigentlich erreichen wollen. Die Suffizienzstrategie zielt deshalb im Gegensatz zur Effizienz- und Konsistenzstrategie nicht auf Industrie und Wirtschaft, sondern setzt auf der Ebene des persönlichen Lebensstils an und fordert eine Ethik des „Maßhaltens“ und eine Änderung des Nutzungs- und Konsumverhaltens.

Vor Papst Franziskus haben bereits der Club of Rome, die Brundtland-Kommission und die Enquete-Kommission des 12. Deutschen Bundestages auf die ökologischen Grenzen des Wachstums hingewiesen und Regeln, Ziele und Strategien für eine nachhaltige Entwicklung definiert. Trotz dieser Weichenstellungen kommt die Politik beim Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen und der Umsetzung des Leitbilds nachhaltiger Entwicklung nur im Schneckentempo voran. Dies zeigt, dass diese Aufgabe nicht durch den Staat alleine zu bewältigen ist. Eine nachhaltige Entwicklung kann nicht verordnet werden, sondern erfordert das aktive Zusammenwirken von Individuen, Gesellschaft und Staat.

Dazu bedarf es eines Werte- und Sinneswandels in der Gesellschaft und einer Abkehr von dem Glauben, dass technischer Fortschritt und Wirtschaftswachstum allein die Umwelt- und Verteilungsprobleme der Welt lösen können. Verhaltensänderungen auf der persönlichen Ebene nach Maßstäben der Nachhaltigkeit können dazu führen, dass das Wirtschaftssystem zunehmend nachhaltige Produkte und Dienstleistungen anbietet und sich schließlich ganz auf das neue Konsumverhalten einstellt.

Dr. Christine Rösch

Author: Dr. Christine Rösch

Dr. Christine Rösch Karlsruher Institut Technikfolgen

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