Wie ist das Verhältnis von Religion und Wissenschaft heute?

Verhältnis von Religion und Wissenschaft
PD Dr. Georg Toepfer
Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, Berlin: Wie ist das Verhältnis von Religion und Wissenschaft

Die Enzyklika Laudato si’ ist ein Dokument der Annäherung von Religion und Wissenschaft. Bereits formal in ihrer sprachlichen Gestalt enthält sie viele Elemente eines nicht rein theologisch argumentierenden und dogmatisch verkündenden Textes, sondern des Erwägens und tastenden Vorschlagens von Angeboten („ich möchte vorschlagen“, „ich werde versuchen“ etc.).

Inhaltlich stellt die Enzyklika sich den zentralen ökologischen Fragen der Gegenwart und ist dafür zu Recht viel gelobt worden. In ihrer Diagnose des Problems folgt sie dem wissenschaftlichen Mainstream. Ausdrücklich argumentiert der Papst für eine Vereinbarkeit von Glaube und Vernunft. Gleichzeitig verweist Franziskus aber auf die „methodologischen Grenzen“ der empirischen Wissenschaft und die Notwendigkeit ihrer Ergänzung, um dem „Eigentlichen des Menschen“, „der Brüderlichkeit und der Schönheit“ gerecht zu werden.

Der Aufsatz untersucht die zweigleisige Argumentation der Enzyklika, die wissenschaftliche mit theologischen Begründungen miteinander zu verbinden sucht. Er konzentriert sich dabei im Wesentlichen auf die Passagen zum „Verlust der biologischen Vielfalt“ und der Behauptung von einem „Eigenwert eines jeden Geschöpfes“. Näher beleuchtet werden dabei die Wurzeln dieser Ansicht in der Philosophie des krausismo sowie die theologischen und philosophischen Probleme, mit denen diese Auffassung verbunden ist.

Als leitender Grundgedanke wird die Verglichen wird die Argumentation der egalitären „integralen Ökologie“ des Papstes, für die der rote Faden die Formel von der universalen Verbundenheit der Dinge und Wesen auf der Welt in „unserem gemeinsamen Haus“ (Interdependenz) ist, mit dem Verhältnis der Kirche zur Evolutionstheorie (Deszendenz). Schließlich wird die Enzyklika als ein Dokument der Annäherung von Religion und Wissenschaft gedeutet, die von beiden Seiten betrieben wird: von Seiten der Religion durch Akzeptanz der empirischen Wissenschaften als einer von der Religion unabhängigen Erkenntnisinstanz, die der Kirche wichtige Anstöße geben kann, und von Seiten der Wissenschaft durch Einsatz von religiösen Formen zu Zwecken der Vermittlung und Propagierung ihrer Inhalte.

PD Dr. Georg Toepfer

Author: PD Dr. Georg Toepfer

PD Dr. Georg Toepfer Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, Berlin

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